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  • Cathrin Michael

Regenwetter Orecchiette



Irgendwo in Italien am Meer. Wo der Wind die Wellen sanft ans Ufer peitscht. Wo sich zwei Touristen auf dem Velo an den wenigen Spaziergängern vorbeiklingeln. Wo die Fischer beim Eindunkeln ihre Kähne parkieren und noch ein wenig plaudernd am Quai stehen. Wo der Himmel wolkenverhangen ist und die wenigen Sonnenstrahlen, die's hindurch schaffen, umso herbstgoldener scheinen, da bin ich. Da werde ich auch sein, die nächsten Wochen. Weg vom Alltag. Weg von den Verstrickungen, die manchmal so lähmend sein können. Weg vom Netz der immer gleichen wiederkehrenden Montage, Dienstage, Mittwoche.

Wie vieles tun wir aus Gewohnheit? Hinterfragen gar nichts mehr, sondern tun einfach. Geübte Handgriffe, leere Gedanken. Rituale, die man aufmerksam pflegt, sind etwas Wundervolles. Dinge jedoch, die man ohne zu überlegen immer und immer wieder tut, tun mir persönlich nicht gut. Dann schätze ich sie nicht Wert. Dann vergehen Stunden oder manchmal Tage einfach so. Was man getan hat? Gegessen, gearbeitet, geschlafen, auf dem Handy herumgetöggelet, einkgekauft, Tram gefahren. Aber eben – nicht bewusst. Dabei steckt das Leben immer und überall voller Schönheit. Wir haben nicht endlos Zeit. Umso wichtiger ist es, keinen Tag verstreichen zu lassen, den wir nicht schätzen.

Non ci si libera di una cosa evitan­dola, ma soltanto attraversandola (Cesare Pavese).

Man befreit sich nicht einer Sache, in dem man sie vermeidet, sondern in dem man durch sie geht.


Ab und zu aus meinem Alltag auszubrechen, hilft mir, die Schönheit wieder zu entdecken. Mich wieder lebendig zu fühlen. Es braucht ganz klar auch Kraft und Mut, die Komfortzone zu verlassen. Das Ungewisse muss man aushalten können. Kann man aber lernen, imfall. Gereist bin ich schon immer am liebsten langsam. Will heissen, ich bleibe gerne eine Weile am gleichen Ort. Ich will leben wie die Einheimischen. Will morgens immer am selben Ort Kaffee trinken, den Nachbarn zunicken, wissen, wann man wo im Ort die letzten Sonnenstrahlen erwischt und wo's das frischeste Brot gibt.

Gerade erst bin ich angekommen, in meinem neuen temporären Zuhause. War das erste Mal im lokalen Supermarkt um die Ecke. Das Gemüseregal: Klein. Nicht vergleichbar mit unseren Supermarkt-Gestellen. Meine Händen griffen darum nicht zum Gewohnten. Stattdessen Fenchel (würde ich sonst nie kaufen – warum eigentlich?), Kapern und frische Pasta. Orecchiette, genauer gesagt. Diese kleinen, leicht gewölbten Pasta-Rundumeli, die man – da frisch – nur ganz kurz ins Salzwasser wirft.

Kurz vor meiner Abreise hat mir Nico ein Video gezeigt, in dem erklärt wird, mit welcher Magie ohne Rahm, Butter oder Öl eine wunderbar cremige Pastasauce entsteht. Das wollte ich ausprobieren. Und: Ich bin begeistert. Ich, die am liebsten ohne Kochbücher kocht, hat etwas Neues gelernt, weil sie mal wieder ganz genau hingeschaut hat. Wäre mir im oft so stressigen, vollgestopften Alltag kaum passiert. Aber hier, in diesem wunderbaren Vakuum, habe ich etwas Neues ausprobiert. Auch darum liebe ich Auszeiten wie diese.



REZEPT

Hier mein ganz einfaches, intuitives Rezept für diese wunderbaren Regenwetter Orecchiette.

Für 1 Person

  • 120 g frische Orecchiette (oder andere frische Pasta)

  • 1/2 Fenchel

  • 1/2 Zucchetti

  • 1 TL Kapern im Glas

  • 1/2 TL Birkenzucker (mein liebster Zuckerersatz im Moment und damit karamellisiert der Fenchel so schön)

  • 20 g Pecorino

  • 1 TL Olivenöl

  • Salz

  • schwarzer Pfeffer

Fenchel und Zucchetti waschen und in feine Scheibchen schneiden. Mit den Kapern, dem Olivenöl und dem Birkenzucker in einer Bratpfanne ca. 10 Minuten bei mittlerer Hitze anbraten. Salzen und pfeffern.

Währenddessen den Pecorino raffeln und in eine kleine Schale geben.

Kochwasser aufsetzen und die Orecchiette ca. 3 Minuten darin kochen. Nun ca. 1 dl des Kochwassers zum Käse geben und gut umrühren, so dass eine Paste entsteht. Das restliche Kochwasser ableeren. Die Käse-Paste zu den Nudeln geben und ein paar Minuten bei mittlerer Hitze verbinden lassen. Genau hier passiert das Fantastische. Der Käse wird in Verbindung mit der Stärke im Wasser zu einer sämigen Sauce. Immer wieder umrühren, bis sich die Sauce glänzend um die Pasta schmiegt und ihr kaum noch warten könnt mit probieren.

In einen Teller geben, das Gemüse oben drauf und geniessen.


Meine einzige Frage im Moment: Wie viel Pasta verkraftet der Mensch? Nach Pasta zum Znacht, Pasta zum Zmittag und einer weiteren, die heute Abend folgt, frage ich mich gerade, wie lange ich das lässig finde. Aber: Darum kümmere ich mich dann, wenn's so weit ist.

Egal, wo du liebe Leserin oder du lieber Leser gerade bist, auch du kannst dir eine Auszeit vom Alltag nehmen und zwar genau jetzt.

Hier ist das Video, das mich zu einer besseren Köchin gemacht hat, merci Nico:


Ob ihr jetzt ,Cacio e pepe' nachkocht, meine erweiterte Version mit Gemüse probiert oder was ganz eigenes kreiert: Habt Spass, geniesst jeden Bissen und seid glücklich.

Baci*

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