Suche
  • Cathrin Michael

Meine Ode ans Gnüsse


Jetzt haben wir den Salat. Der Virus ist hier. Viren gab's ja schon immer, aber noch nie hat einer uns in unseren Breitengraden so lahm gelegt, wie der Covid 19. Wir sind in unserer Freiheit beschränkt und das ist für viele von uns einzigartig, einschneidend und ermüdend. Doch wie viele andere Menschen werden auf der ganzen Welt jeden Tag in ihrer Freiheit beschränkt? Sie dürfen nur speziell gekleidet das Haus verlassen. Sie dürfen ihre Meinung nicht öffentlich kundtun. Sie dürfen sich nicht in Gruppen versammeln. Sie finden nicht genügend Lebensmittel auf dem Markt. Sie dürfen nicht mit allen Geschlechtern Kontakt haben. Sie können das Haus nicht verlassen, weil draussen vor der Türe die Kriminalität lauert. Sie sind krank und können nur mit speziellen Schutzvorkehrungen das Haus verlassen. So viele Menschen erleben, was wir nun erstmals durchmachen, schon seit Jahren und Generationen.


Heisst das, wir sollen uns nicht so schwer tun damit? Heisst das, wir sollen das alles etwas leichter nehmen? Nein, natürlich nicht. Was wir gerade durchmachen, ist belastend für Körper und Seele. Wir müssen in diesem Wirrwarr aus Nachrichten und Meinungen und Spekulationen irgendwie einen Alltag leben und versuchen, gesund zu bleiben. Unseren Arbeiten nachgehen. Geld verdienen. Kinder betreuen. Uns auf neuen Wegen bilden. Berufsalltage umkrempeln. Kranke und Schutzbedürftige und Risikogruppen versorgen.


Ich weiss nicht, wie es euch geht. Aber die Langeweile ist in mein Leben definitiv noch nicht eingekehrt. Ich habe zum Glück derzeit noch einige Aufträge. Auf den sozialen Medien sehe ich jedoch überall, wie ich die Zeit nun doch nutzen soll, um in mich zu kehren. Um zu heilen. Stundenlang zu meditieren. Endlich meine Lieblingsbücher zu lesen. Zudem will mich in jeder zweiten Story irgendjemand zu einem Home-Workout überreden. Tschiiiises! Es kommt mir vor, als explodiere die digitale Welt gerade. Noch ein Meme, noch ein Tipp, noch ein Blogartikel (hihi, guilty!). Doch mein Tipp: Lasst euch nicht verrückt machen. Schlaft, esst, lacht, redet, faulenzt, arbeitet, lebt ab jetzt in Jogginghosen oder schminkt euch morgens wie immer – jede in ihrem Tempo. Und jedem, was ihm gefällt. Wir alle müssen uns in dieser neuen Welt erst mal wieder zurechtfinden. Meine tägliche Calm-Down-Ration verschafft mir diese kleine Meditation. Sie hilft mir, bei mir zu sein. Mich nicht zu sehr im Aussen zu verlieren.


Wenn ich euch etwas ans Herz legen darf, dann dies: Wir sollten jeden schönen Moment geniessen. Ich bin froh darüber, dass ich das schon lange kann und tue. Ich halte inne, wenn die l'heure bleue über den Üetliberg hereinbricht. Ich gönne mir im grössten Stress eine Kafipause an der Sonne. Ich bin dankbar, wenn mir ein lieber Mensch eine Nachricht schreibt, die mir nahe geht. Ich versuche den Moment festzuhalten, wenn ich in Mallorca die Zehen in den Sand strecke, um mich herum Katalanisch gesprochen wird und mein Bier in der Hand langsam warm wird. Ich freue mich ausserordentlich lange und mit seligem Grinsen, wenn mir ein Fremder die Tramtüre aufhält, damit ich noch reinhuschen kann. Und wie sehr liebe ich den Moment, wenn ein Schluck unfassbar guter Rotwein über meine Zunge rinnt (kleine Schleichwerbung für die Wein-Granate Edvin und ihren Live Stream Crashkurs).


Wenn uns diese Situation jetzt eines zeigt, dann dies: Wir wissen nie, was im nächsten Moment sein wird. Wir können uns beim besten Willen nicht darauf verlassen, dass alles immer so bleibt wie heute. Erst recht nicht, wenn so viele Menschen auf diesem Planeten leben, die so viel von ihm fordern. Ob wir etwas aus der aktuellen Situation lernen, wird sich zeigen. Was du jetzt im Moment tun kannst, ist dies: Geniesse jeden Moment, der dir Freude bereitet. Der Videochat mit der ganzen Familie und die neu geborene Nichte, die mit grossen Augen in die Kamera blickt. Die Telefongespräche – auf einmal ganz ohne Stress – mit deinen Grosseltern. Die Spaziergänge an der frischen Luft, wo sich jeder Schritt auf einmal wie pures Glück und das grösste Privileg überhaupt anfühlt. Die Gespräche mit den Menschen in deinem Haushalt und dass man neben Lachanfällen auch sorgenvolle Gedanken austauschen kann. Neue Rituale wie das gemeinsame Kochen oder Tagesschau-Gucken. Die herzlichen Blicke von all den Menschen, die man zur Zeit eben nicht berühren darf. Der Sonnenstrahl, der es durchs Fenster genau auf deinen Lieblingsplatz auf dem Sofa schafft.


Es wird sich alles wieder verändern, so viel ist sicher. Und ich kann es kaum erwarten, meine Freunde wieder zu treffen, meine Familie zu umarmen, ins Lieblingscafé um die Ecke zu gehen. Aber bis dahin bin ich mir sicher, dass wir alle ganz viele Gnüsser-Momente sammeln werden.













0 Ansichten