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  • Cathrin Michael

Wenn die Welt ein bisschen kleiner wird

Wenn sich die Welt ein bisschen langsamer dreht. Wenn die vielen Herzen ein bisschen mehr im Einklang schlagen, obwohl auch viele ganz verstummen. Wenn wir uns jeder für sich und doch alle gemeinsam zurechtfinden, in diesem neuen Vakuum. Wenn wir ganz unverhofft und nicht ganz erwünscht eine Pause erhalten, von unseren vollen Agenden. Wenn das Herz ganz schwer wird, weil wir die neu geborene Nichte nicht halten dürfen. Wenn wir ohne unsere Freunde Geburtstag feiern. Wenn zwischen uns und dem Grossvater zwei Meter Abstand sind, bei der Übergabe der Papiersäcke und wir uns doch so nahe sind, wie lange nie zuvor. Weil sogar der Grossvater sagt, so etwas habe er noch nie erlebt. Wenn alle Aufträge wegbrechen und wir nicht wissen, wohin mit unserem Bedürfnis, zum Geld verdienen. Oder wenn die Tage plötzlich so voll sind, weil wir als relevant für das System gelten. Wenn wir zuhause zwischen Kindern und Partnern und Corona irgendwie versuchen, effizient zu sein. Wenn sich Homeoffice wie eine neue viel zu komplizierte Sprache anfühlt und unser Rücken wehtut, vom falschen Sitzen. Wenn das Auslandssemester warten muss und der Einsatz an der fremdsprachigen Schule. Wenn die Weltreise ein ferner Traum bleibt und die Koffer wieder ausgepackt da stehen. Wenn die Welt, die wir kannten, vom einen auf den anderen Tag lahmgelegt wird. Und wir manchmal fast nicht mehr atmen können. Wenn wir irgendwie versuchen, die Zeit vom Aufwachen bis zum Schlafengehen zu überbrücken, ohne verrückt zu werden. Nachrichten schauen. Immer wieder Nachrichten schauen. Yogaübungen vor dem Laptop. Meetings vor der Laptopkamera. Sprachnachrichten, oh so viele Sprachnachrichten. Brotbacken. Lesen. Netflix. Schnell um den Block gehen. Wenn jede und jeder in dieser Zeit auf seine eigenen Ängste zurückgeworfen wird. Wie schaffe ich das alles alleine, ohne zu vereinsamen? Wie erkläre ich meinen Kindern, was da draussen passiert, ohne die Angst in ihre Herzen zu lassen? Wie drehe ich nicht durch, mit den anderen Menschen in meinen vier plötzlich so eng gewordenen Wänden? Wenn ich gar nicht weiss, wohin mit so vielen Gedanken.

Die Welt ist kleiner geworden. Und ruhiger. Wir nehmen wieder ein Buch in die Hand. Wir schauen einander in die Augen, wenn wir uns auf der Strasse begegnen. Wir lächeln uns zu, als wollten wir uns ein bisschen Mut machen. Paare ziehen sich schön an und dinieren mit Kerzenlicht auf dem Balkon. Andere spielen Federball im Abendlicht. Und im Innenhof spielt einer Cello und alle anderen hören aus ihren Fenstern zu. Und was ist eigentlich, wenn man diese Krise gar nicht so furchtbar findet? Wenn man sich eigentlich ganz wohl fühlt in diesem kleinen Kosmos, der auf einmal nicht mehr so riesig gross, sondern vertraut eng ist? Wenn wir nicht mehr diesen Druck haben, die Welt entdecken zu müssen, zu reisen, viel zu viele Freunde zu treffen, das Leben im Aussen zu leben. Was, wenn wir entdecken, dass diese kleine Welt in uns drinnen mindestens genau so aufregend ist? Wie viel gewinnen wir, wenn wir so viel verlieren?




Bild: Beim Kayak fahren frühmorgens auf dem leeren Zürisee mit Neklan. Es gibt glaub nicht viel Schöneres.


Und die Gedanken in uns drin, die haben endlich eine Chance, dass wir ihnen zuhören. Denn manch einer wendet sich nach innen erst, wenn das Aussen unerträglich geworden ist. Was, wenn wir in diesen Wochen erkennen, was wir wirklich mit unserer Lebenszeit anstellen wollen? Wie wollen wir die Welt um uns herum behandeln? Wie wollen wir uns ernähren? Wie möchten wir unser Geld verdienen? Wen wollen wir lieben? Mit wem wollen wir wohnen? Was, das so lange schon in uns drin steckt, wollen wir endlich rauslassen? Welche Wunde soll endlich heilen? Warum können wir das nicht immer so machen, ist nicht die richtige Frage. Aber die wichtige Schlussfolgerung, dass eine solche Krise auch so viel Menschlichkeit in uns freisetzt. Möge sie uns noch ganz lange erhalten bleiben. Auch wenn Kurven abflachen, Impfstoffe gefunden und sich die Welt wieder gleich schnell dreht. Mögen wir einen Funken dieser Stille und Dankbarkeit für das kleine Glück in uns behalten. Mögen wir unsere Lebenszeit dem schenken, was unsere Herzen bereichert. Denn bevor wir uns versehen, ist die Welt wieder eine andere. Dazu passt übrigens dieses Lied:

Dustin O'Halloran's Opus # 20

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